Szenen aus dem Kabinett der Künste

oder

Indische Gedenkminute ans Cafe Central

Meine Schnauze brennt mir, von den Gedenkminuten, an Karsten, ans Central, an Claudia, und das ist nicht zweideutig!

Frisches Abendbrötchen, Glaskonservenreste dekandierend, in Ermangelung einer Gabel hake ich mit einer geschickten Drehung des Spiralkorkenzieher aus dem einen Glas "Teufli - Pikant-rote Pfefferonen, gefüllt mit Frischkäsezubereitung“, aus dem anderen Glas "Türkel - getrocknete Tomaten in Pflanzenöl". Knapp über dem Glas zuschnappend, die Ölreste manchmal runtertropfend, manchmal wieder hoch spritzend, ab und zu im Bart tropfend und in den Mundwinkeln brennend. Beim Abgang heiß brennend eine Spur zieht, aber grad nicht zu heiß. Mit gezupften Körnerbrötchenstückchen den Pfeffer besänftigen und das Öl auf- und wegnehmend.

Dazwischen mit den Getränkerestbeständen gespült "Desperado - Bier, aromatisiert, mit Tequila“. Mein erster Alko-Pop, zum Gedenken des in Katmandu weilenden Karsten samt seiner Claudia.

Irgendwann ist alles das erste Mal. Ein Cafe verkauft, mit Korkenzieher Antipasti aus öligen Gläsern geangelt, die scharfe Spitze des Korkenziehers dabei vorsichtig und mit Respekt abgelutscht, ohne mit der widerhakigen Spitze ein Zungenkussduell einzugehen.

Zungenschlag, fett, ölig, als Rutschbahn für die Peperonispitzen, die am Ende meines Schlunds zwischen Dickzunge und Gaumen zermatscht, zerrieben, verdrückt werden, nicht ohne eine Pfefferspur mucken zu lassen, wohl wissend, das danach entweder das flüssig-leichte Desperado abperlt, oder der frische Brötchengeschmack der Glitschbahn in die Speiseröhre folgen.

Und eine Röhre habe ich, die ich, auch zum Gedenken an Kat, an Mann, an Du röhren lassen will.

Also, noch eine gute Zeit. Ich werde mit den Rest Schnaps- und Likörflaschen noch manche gedenkliche Minute verbringen können. Mal sehen ob es reicht, bis wir wieder hier gemeinsam denken.

Ich lese schon mal "Ab morgen werd ich Künstler" von BB, Brigitte Birnbaum - über die Situation, als Heinrich Zille nach 30 Jahren Arbeit arbeitslos wird und dann seine Künstlerleben richtig begann – nun ja, ich arbeite seit 29 Jahren regelmäßig – hab ich noch ein Jahr?

.... eine Momentaufnahme: Hoffe, es geht euch gut. 

 

Post  

ach ja, 

als ich gestern Nacht

zurückkam

war da ein Brief

 

von dir

 

brach das Siegel

zeigte Säulen

Sarkophage

ein Lachen

 

von dir

 

fühlte Lachen

nahm Lächeln

mit ins Bett

den Gruß

 

von dir

 

legte heute morgen

auf den Schreibtisch

bedacht den Brief

so empfange ihn gleich wieder

 

von dir

 

Ich war zum Jahreswechsel in der Türkei zum Urlaub:  Schlechtes, kaltes Wetter, ein Sch ... -Hotel, unruhige Mitgäste.  Als Schreiber wollte ich eigentlich auch Urlaub machen und nichts schreiben, aber zu meinen grauenhaften Silvester-Neujahrsgefühlen musste ich doch wenigsten einen einzigen Satz los werden:

 

„EinSatz in der Türkei“

 

Ich muss niesen, wahrscheinlich eine allergische Reaktion auf den Klebstoff, den ich mit dem Wasserdampf beim Ablösen des Flaschenetiketts vom transsilvanisch-rumänischen Champagner, einatme;

der von dem jetzt endlich, leider nicht in Sonnenkollektoren durch die  türkische Sonne erhitzten, heißen Wasser mir über dem Hotelbadezimmerwaschbeckenrand am Neujahrsmorgen in die Nase zieht, so dass ich so richtig abniesen muss

und mir meine Muse daraufhin Entzündungstropfen, ein angeblich cosmo-homöopathisches Arzneimittel aus Baden-Baden, laut bis Fünfzehn abzählend einträufelt, als Demutstropfen,

weil ich drakula-klischeehaft die Champagner-Spende gestern Abend von Valentin und Simona mit unserer unfreiwilligen Blutspende als Gegenleistung    -  wenn auch nur insgeheim - in Verbindung gebracht habe;

denn von einem Kommunikationsspezialisten, wie es Valentin eben ist und erst recht von einer  Poetin wie Simona – vielleicht wird sie ja mal die  Simone de Beauvoir Rumäniens – hätte ich nichts Schlimmes denken sollen,

sind die beiden doch ein Abbild unserer selbst, in dem wir beide, meine kommunizierende Muse und ich als okzidentischer Poet, uns widerspiegeln;

zwar spiegelverkehrt, aber zu diesem Zeitpunkt waren wir keine Vampire, denn wir spiegelten uns ja – noch – was auch eine Zeit lang später so war, denn meine Schmuse und ich haben uns noch in der Silvesternacht am Sternenhimmel über der türkischen Ägäis - oder genauer gesagt über der griechischen Insel Samos, aber von der türkischen Seite aus gesehen - als Mond und Venus widergespiegelt; 

es sei denn, ----  im trans-rumänischen Champagner wären Extra-Spiegelungstropfen in hoher Potenz gewesen, die angehende Vampire - die meine Muse und ich vielleicht doch schon sind – möglicherweise -  wenn auch nur für eine gewisse Zeit – doch spiegeln ließe;

wir uns so in Sicherheit wägen sollten, bis sie sich noch ein paar Mal labend an uns festsaugen,

denn zu gerne hätte ich gestern Abend - nur um sicher zu sein - oder auch heute Morgen beim Frühstück ihre Hälse gesehen, wegen der Bissmale;

doch ich musste ja satt dessen wie zwanghaft gestern Abend immer wieder auf Simonas runden, üppigen - aber nicht zu üppigen - Busen starren, musste mir vorstellen, wie er wohl in „Natur“ aussieht, denn die Brüste waren im Ansatz gut zu sehen,

was aber vielleicht nur ein Trick war um mich abzulenken, denn ihre Hälse, die, die waren seltsamerweise immer geschickt verdeckt;

denn wenn dort Bissmale gewesen wären,

es keine absichtslose Sektspende,

doch transsilvanisch-homöopathische Vampirtropfen gewesen wären,

ja dann habe ich als Beweis das Flaschen-eti-kett,  - schön platt gedrückt und in meine Schreibkladde eingeklebt - aufbewahrt, damit sich unsere Nachwelt einen Reim darauf machen kann,

falls später erzählt werden sollte, dass ich des nachts in unserem Hotel als Herbert die Rumänen polanskihaft durch die Flure gejagt hätte - samt allen Bulgaren,

denn dann, dann  wäre mein schrecklicher Verdacht doch nicht unbegründet gewesen,

tröste mich aber zugleich mit der Vorstellung, wie meine Schmuleika in einem weißen – nein - in einem schneeweißen Marmor-Sarkophag entspannt in sich ruht, sie den mit Medusaköpfen reich verzierten Deckel lüstern zur Seite schiebt, mir lockend zuwinkt,

ich flatterhaft zu ihr fliege, wir Ra-trunken uns gegenseitig Ki-saugen, bis wir in der Morgendämmerung uns unsere Horrorskopträume gegenseitig auflösen.

 

Herbert Beesten, Silvester/Neujahr 2008/2009 in Kusadasi/Türkei  

 

Trialog-Hälfte

Hi Giordano,

die letzen Wochen, voll von Abwechslung, Spiralen: Im Kreise drehen, weiter,  weiter, weiter  sehen, mich erheben, umschauen, ja nicht wieder an den gleichen Stellen ankommen, zurück trachten, drehen.

Mit Sicherheit unsicher werden; mehr Leben zulassen, damit Leiden bringen, Freude empfangen, Traurigkeit schüren.

Deute den Raum, den ich fülle, meine hohle Innenschicht - diese dichte auspolsternde Hülle - mir das Leben filtert - um mich vor dem Außen zu schützen, mein Nach-Außen maskiert, als Überfratze des Andersseins wünschen – nein - mein harmonisches Liebsein wollen.   

Sitze in Unterhose und  T-Shirt im Korbsessel. Höre Rosen, stolz die Beine auf der Arbeitsplatte der Ein-Raum-Appartement-Küche. Steche mit der rechten äußersten Gabelzacke diese Gernleben-wollen-Worte per Touch Panel in den PDA.

Nach hart gekochten Eiern mit Salz, Bautzener-Glas-Senf und Tuben-Oro-Tomatenmark auf Abendbrötchen, lösche ich das Völlegefühl mit meinen "Ich-will-leben-Cocktail" ab.

Die Zutaten schreien, gieren, bieten sich obszön an: künstlich-grüner, warmer, Pfefferminzlikör, wärmebehandelte, aber jetzt kalte 10-prozentige Kondensmilch, kohlensäurende Apfelschorle, ein Schuss Maracuja-Sirup mit verklebten Drehverschluss und mit warmer halb-transparenter Abend-Orange-Sonne, dann weiß-schleimigen, fädenziehender Mandelsirup mit einem Spritzer satt-dunkelsüßen Casis.

Auch durch das harte schnelle Schütteln kann ich nicht verhindern, dass die im Dämmerlicht schmutzig-graulich wirkende Flüssigkeit ausflockt, sämig gerinnt. Die aufgewühlte Kohlensäure dem Cocktail-Shaker zischend dünnenflüssigen Sabber herauspresst:

Schmeckt! Weil es mir egal ist.

Die zwei auf dem Rand der matten Edelstahlspüle liegenden, prallen, gepellten, noch glänzenden Eier wirken unter dem schräg einfallenden Licht der Dunstabzugshaube wie ein abnehmender Zwillingsmond.

Hier bin ich! Herr in meinem Kosmos.

 

Sorry Giordana, mir fällt gerade ein, du bist ja Gourmet und Weinkenner.

Keine Angst! Es geht mir gut, fantasiere nur eine Spur, von mir zu dir.

Lass uns demnächst mal wieder treffen,

unser Reden über leckeres Essen hören,

schön Schmeckendes sehnlich trinken.  

 

Die andere Trialoghälfte:

 

Und du mein Schatz!

Stell mir grad vor:

Wir wären die beiden, im grünen Pfefferminzlikör eingelegten, hart gekochten Eier:

Schmiegen uns leicht, zart schwebend  übereinander, oben smarakt grün schimmernd, unten noch unschuldig weiß, aber schon ahnend, dass wir interessant schmecken:

 

Den kühlen Pfefferminzgeschmack, der in unseren Geschmacksknospen scharf eindringt,

schmecken, wie keiner schmeckt,

wir schlucken, wie keiner schluckt,

keiner außer uns so den zweifelnden Widerhall der Geschmackshäute vernimmt,

wie wir beim genüsslich essen. Gänsehautfühlen, Gänsehautsehen,

unseren Du-Geschmack empfangen.

 

Wir schauern beim Steigen in die kalten Fluten,

doch schon bald das Hinab des Wasserstromes genießen.

 

Du verstehst mich nicht?

 

Macht nichts! Bin heute Nacht etwas sentimental.

Träume mich zu dem in mir eingebrannten Bild.

 

Sehe dich, die Bettdecke wie einen Kragen und Schutzschild, auf der Seite liegend, entspannte Duckstellung mit eingezogenem Kopf.

Du, meine Traumblicke kommwollend empfängst.

 

Ich glaub, ich sehne mich nach dir!

 

allein

die späte stunde fragt nach dem sinn
lässt meine gedanken schweifen  
meine stimmung
wie das schwarz über dem fluss
meine gefühle halten sich fest an worte
in denen ich vermutet halt suche
so gebäre ich sätze
als brücke für meine hoffnung
über die ich mich später begebe
allein
mit dir zusammen
mit euch zusammen
nicht mehr
allein

 

 

Junge Liebe

Wenn ich einsam bin - meine Augen zu mache.
Wenn ich träume - mich nach dir sehne
Wenn ich traurig bin - alleine
Dann bist du da.
Wenn auch nur in meinem Kopf.
Wenn auch nur in meinem Bauch.
Ich sehe dich, wie du auch die Augen zu machst
und wir uns in diesem Dunkel treffen
Sehe dich, Musik träumend.
Fühlst Du meinen Traum?
Ich weiß nicht, was Traum, was wirklich ist,  für mich
Was richtig  für mich, was wichtig für uns.
Träume mich hoch zum Mond
der deine großem Augen, dein Lachen auf mich zurückwirft.
Das Mondlicht, mich bei den Gedanken an dich
als  zarter, wohlig-schöner Schmerz erreicht.
Schmerz ohne Krankheit
Liebe ohne Leben
Leben mit Schmerz
Schmerzen, die krank machen
Ich polstere meine Herzhöhle für dich
Damit du bei mir sein kannst
Nicht nur, wenn wir die Augen schließen
Nicht nur, im schönen innigen Moment.

 

Dein Lachen

In der Dämmerung spüre ich nach dir,
muss dich finden, muss dich sehen.
Wann bist du wieder so nah - nur bei mir,
dass wir dem Dämmern entgehen.
Dann sehe ich dein helles freudiges Lachen,
das Schwinden des Dämmern.
Dein Lächeln fruchtet so viele Seelenbrachen,
hilf, dies zu verlängern.
Da ist sie - Vertrautheit
gibt der Seele ein Ziel,
raubt ihr meine Rauheit,
eröffnet mir so viel.
Fühl ich dann allein wieder diese Schmerzen,
werde ich dein Lachen nehmen
als Balsam für die Höhle meines Herzen
und anderswo nach Lachen flehen.

 

Roter Sonnentanz

Regen regte den langroten Abendsonnenersatz  zum Fragenreigen
versöhnlich lächelnd,
- fast so offen wie ihre sanfte Schulterlandschaft -
Fantasieaugen einladend zur dunkelrot verhüllten absichtsvollen Gedankenberührung
treffen sich im innen gut versteckten Zweifel am Gegenüber
entdecken brillierende Farben,
mit denen sie ihre Hoffnung vermalen
zwischen Arbeit und Leben,
suchen sie im Tanz das gemeinsame Rot daneben  

 

Verzehren

Ich konnte mich nicht erwehren,
dir was zu geben, zum Verzehren
Jetzt, in die Ferne lenkend,
haben wir was – gerne denkend

 

 

 

Alte Liebe

Zeit – viel Zeit – viel Vergangenheit.
Jahrzehnte - gefiltert durch den Blick von heute
Alles Geschichte und Geschichten,
gesammelt, ohne Ordnung, ohne Plan,
und doch genau so, wie Tausend andere.
Geschichten, anfangs  vom Du und Ich,
dann vom dem Wir ,
später Geschichten  von Euch, von Ihnen,
in denen wir unser Du und Ich verloren haben.
Jeder Glückfall wirft uns zurück
Zurück in das Du und Ich
zurück in dem Augenblick
wo die Zukunft nicht wichtig war
Zeit – viel Zeit  - zuviel Vergangenheit
Erklommen wie einen Berg
Hoch – höher - bis die Luft zu dünn.
Zu dünn zum Denken.
Zu dünn zum Träumen.
Wieder die Geschichten, jetzt  vom Ich und Du
Auf der Suche nach meinem – du nach deinem ICH
Ob wir uns suchend wieder begegnen?
Gehörst DU zu meinem sprachlosen ICH?
Auf stummer ängstlicher Suche,
nach Luft zum Atmen, ohne dir die Luft zu nehmen,
nach Liebe zum Leben, ohne dir die Liebe zu nehmen!
Zeit – zu wenig Zeit.
Zu wenig Liebe für eine Zukunft?  

 

ICH  DICH

Ich fasse dich an
Ich fühle dich
Ich rühre dich an
Ich spüre dich
Ich sehe dich an
Ich ahne dich
Ich rege dich an
Ich rieche dich
Ich spreche dich an
Ich höre dich
Ich mache dich an
Ich schmecke dich
Ich liebe dich an
Ich liebe dich
Ich an Dich
Ich denke dir nach
Du zu mir!

 

Du mich!

Ich lüge dich an
Ich quäle dich
Ich stinke dich an
Ich ärgere dich
Ich sauge dich an
Ich leere dich
Ich kotze dich an
Ich breche dich
Ich steche dich an
Ich löchere dich
Ich ätze dich an
Ich verbrenne dich
Ich leide dich an
Ich schmerze dich
Ich ekele dich an
Ich hasse dich!
Du mich auch
Ich denke dich weg
Du von mir                      

 

Gebogenes Denken

Beim Drübernachdenken, wie wackelig, unsicher, düster und gefährlich
verzweifelnd dein Pfad über dem Abgrund ist
-   entdecke ich –
dass ich nachts im wackligen alten Flugzeug sitze,
unter mir Zehntausend Meter eiskalte Luft, tausend Meter tiefes schwarzes Wasser!
Und jetzt?
Meine Gedanken
an die sichere Landung am nächsten Tag, an dein Abholen, biegen mein  Denken

wieder in horizontaler Richtung.
Wo ist der Sonnenaufgang?

 

 

 

Verlorener Abschied

Schweigend, der frühe Weg zum Bahnhof,
der erste richtige Herbsttag.
Halten uns fest an Worten,
was noch zu tun...  was noch zu machen ist.
Es ist alles gesagt.
Das Verstehen verloren.
Die Herbstsonne löst den Dunst,
wir die enge Vertrautheit.
Macht den Abschied leichter.
Ruhige Höflichkeit mit Distanz,
freundliche Hilfsbereitschaft ohne Nähe.
Überwinden die Verspätungsminuten.
Den anderen nicht halten, nicht lieben können
wird zur Gewissheit,
die ertragen werden muss.
Der Zug ist da,
gibt den Takt für den Abschied.
Verloren gehen wir unserer Wege
und finden dort die Frage,
wann der Abschied begann.